Lieber Bernd Schilcher!

Fritz Neugebauer

Link zum Originalartikel in der Kleinen Zeitung

Lieber Bernd Schilcher!

Es ist nicht leicht, auf Deinen Brief zu antworten, ohne selbst auch unsachlich zu werden, ich will es aber versuchen.

Du schreibst von einer plötzlichen Einigung der Gewerkschaft mit der ÖVP-Führung. Mir ist keine Einigung bekannt. Faktum ist, dass die Finanzministerin und der Wissenschaftsminister – Gott sei Dank! – auf Distanz zu dem haarsträubenden Vorschlag von Unterrichtsministerin Schmied und Beamtenministerin Heinisch-Hosek gegangen sind, also zu dem Vorschlag,

- der den Lehrerinnen und Lehrern ALLER Schularten massive Verschlechterungen hätte bringen sollen,

- den die Vertreter ALLER Schularten deshalb aus gutem Grund ablehnen und mit allem Einsatz bekämpfen,

- den der Bundeskanzler aber gegen den Willen der Lehrergewerkschaft und damit über die Köpfe der von ihr vertretenen Lehrerinnen und Lehrer durchzuboxen droht, wofür er von manchem Zeitgenossen auch noch Applaus bekam.

Du fragst mich, was dagegen spreche, dass die Lehrerinnen und Lehrer vierzig Stunden pro Woche in der Schule sind. Du solltest wissen, dass es an Österreichs Schulen nicht annähernd adäquate Arbeitsplätze für Lehrerinnen und Lehrer gibt. Dies beanstandet die Lehrergewerkschaft seit langem und immer wieder. Der Dienstgeber hat sich aber bisher kaum bewegt. Österreichs Lehrkräfte finanzieren sich ihre Arbeitsplätze zu Hause übrigens aus ihrer eigenen Tasche. Überraschend und erfreulich ist es, dass die Finanzministerin jetzt dieses Thema angesprochen und eine Sanierung gefordert hat. Wohlgemerkt, die Finanzministerin, die für eine Sanierung des Ist-Zustands sehr viel Geld in die Hand nehmen muss, nicht die Unterrichtsministerin und auch nicht die Beamtenministerin, deren Anliegen adäquate Arbeitsplätze für Lehrkräfte sein müssten!

Du schreibst, „dass in der ganzen Diskussion nicht ein einziges Mal von den Kindern, Schülern oder Eltern die Rede ist, sondern ausschließlich von den Lehrern“. Glaubst Du, was Du hier schreibst, oder polemisierst Du vorsätzlich an der Wirklichkeit vorbei? Ich empfehle Dir, die Aussendungen, Artikel und Beschlüsse derer, gegen die Du agitierst, zu lesen. Ich gehe davon aus, dass Du sie bei Dir hast oder zumindest den Zugang zu ihnen kennst.

Du beklagst, dass „ein Drittel der Fünfzehnjährigen“ nicht lesen kann. Da haben wir tatsächlich enormen und akuten Handlungsbedarf. Lesen, lieber Bernd, lernt man aber nicht mit 15 und auch nicht mit 10 oder 12. Lass es mich mit Universitätsprofessor Baumert sagen: „Bereits am ersten Tag nach der Geburt vergrößern sich die in die Wiege gelegten Unterschiede. Wie liebevoll Eltern für ihre Kinder sorgen, wie sie mit ihnen reden und spielen, wie sie zuhören, ob und was sie vorlesen.“ Weil nicht alle Kinder diese liebevolle Förderung im Elternhaus erfahren, habe ich schon vor etlichen Jahren angeregt, rechtzeitig vor der Volksschule den Entwicklungsstand der Kinder zu überprüfen, um rechtzeitig vor Eintritt in die Volksschule Defiziten, woher auch immer sie stammen, gezielt zu begegnen. Ich bin damals von vielen für verrückt gehalten worden. In den letzten Jahren hat sich das allgemeine Bewusstsein aber zum Glück weiterentwickelt.

Wenn Du den Nationalen Bildungsbericht zur Hand nimmst, wirst Du erfahren, dass das Bildungsniveau unserer 10-Jährigen je nach Bildungsabschluss ihrer Eltern um Jahre differiert. Zwischen dem zehnten und vierzehnten Lebensjahr gelingt es in Österreich, diese sozial bedingte Differenz zu verkleinern. Wenn Du auch den BIFIE-Bericht über PIRLS und TIMSS liest, wirst Du erkennen: Wir haben ein Riesenproblem im ersten Lebensjahrzehnt, wo unsere Jugend einen großen Leistungsrückstand aufbaut und sozial Schwache enorm zurückbleiben.

Dass junge Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, wurde viel zu lang tabuisiert. Dass gleiche Behandlung von Menschen unterschiedlicher Bedürfnisse höchst ungerecht ist, wollte man nicht verstehen. Das offensichtliche Scheitern primitiver Gleichbehandlung hat man verdrängt. Es geht auf das Konto dieses sturen Verdrängens, lieber Bernd, dass hunderttausenden unserer Mitbürger keine entsprechenden Sprachkenntnisse vermittelt wurden.

Dass junge Menschen, die dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können, ganz einfach als „außerordentliche Schüler“ in die Klassen hineingesetzt werden, dass tollkühn behauptet wurde, so werde alles gut, wirst Du wohl nicht den Lehrerinnen und Lehrern und ihrer Gewerkschaft vorwerfen wollen. Für solchen Unsinn zeichnen „Experten“ verantwortlich, die über Schule mitreden, obwohl sie keine einzige Stunde als Lehrer „in der Klasse gestanden sind“.

Die Ganztagsschule ist keine Maßnahme, mit der Bildungsdefizite verhindert werden. Lieber Bernd, das stellen Bildungswissenschaftler schon so oft fest, dass es wohl auch dir bekannt ist. Die ganztägige Schule ist ein Angebot an junge Menschen und deren Eltern. In den meisten Schulen wird dieses Angebot von einer nur sehr kleinen Minderheit angenommen. Willst Du junge Menschen deshalb zu einer ganztägigen Anwesenheit an der Schule zwingen? Ich wäre auf Deiner Seite, würdest Du eine qualitative Aufwertung ganztägiger Angebote fordern, um ihre Akzeptanz zu steigern. Wenn Du den Menschen aber eine Ganztagsschule aufzwingen willst, bist Du bei mir an der falschen Adresse.

Jeder einzelne junge Mensch, der scheitert, ist einer zu viel. Was Du aber, lieber Bernd, zu erwähnen vergisst: Österreich und Deutschland sind EU-weit die beiden Staaten, in denen die Jugendarbeitslosigkeit – Gott sei Dank – am niedrigsten ist. Ein Grund, das Schulsystem gerade dieser beiden Staaten, die in ihm tätigen Lehrkräfte und deren Gewerkschaft zu diffamieren? Die Staaten, deren Bildungssystem Du propagierst, haben eine vielfach höhere Jugendarbeitslosigkeit und wesentlich mehr Menschen, die das Schulsystem ohne qualifizierten Abschluss verlassen. Das weißt Du doch, Bernd. Österreich schafft seit Jahren, was sich die EU als Benchmark bis 2020 vorgenommen hat.

Wenn Du die zu geringe Anzahl von Spitzenschülern beklagst, dann teile ich Deine Unzufriedenheit. Glaubst Du aber, man könne in der Sekundarstufe damit beginnen, Spitzenbegabungen zu fördern? Sind Dir die aktuellen Ergebnisse von PIRLS und TIMSS bekannt? Von unseren Zehnjährigen werden immer weniger Spitzenleistungen erbracht. Wir unterscheiden uns diesbezüglich dramatisch von anderen Industriestaaten und haben größten Handlungsbedarf. Talente verkümmern, wenn sie keine besondere Förderung erfahren. Das dürfen wir weder jungen Menschen antun, noch unserer Gesellschaft, die auch in Zukunft auf besondere Talente angewiesen ist, um so erfolgreich zu bleiben wie sie es ist. Österreich gehört laut „Wealth Report 2012“ zu den wirtschaftlichen Top 10 der Welt. Diese Studie prophezeit für das Jahr 2050, dass dann nur mehr zwei Staaten Europas zu den wirtschaftlich wohlhabendsten dieser Welt gehören werden, nämlich die Schweiz und als einziger EU-Staat Österreich. Um das zu schaffen, müssen wir aber endlich auf die Begabungen schauen und auch besonders Begabten besondere Förderung zukommen lassen.

Lieber Bernd, schau Dir die Situation junger Menschen in Österreich nüchtern an und vergleiche sie mit der derzeit mehr als tristen Lage junger Menschen anderer Staaten, in denen es die Gesamtschule gibt, mit der Du Österreich seit Jahrzehnten beglücken willst. Wage den Blick auf die Wirklichkeit und verstehe den großen Einsatz der Lehrergewerkschafter für die von ihnen Vertretenen auch als Dienst an der Schule von morgen: Damit Schule gelingt, braucht sie qualifizierte Lehrkräfte. Damit man leistungsstarke Menschen für diesen Beruf gewinnt, muss man ihnen ein faires Angebot machen und gute Rahmenbedingungen bieten. Genau dafür setzt sich die Lehrergewerkschaft ein. Wenn sie sich nicht durchsetzt, werden wir uns „die Besten der Besten“ als Lehrerinnen und Lehrer der Zukunft abschminken können. Lieber Bernd, das kann doch nicht Deine Vision sein. Warum ärgert Dich das konsequente Miteinander der Gewerkschaftsvertreter der verschiedenen Schularten? Mir ist deren Schulterschluss im Interesse des Ganzen viel lieber als Dein längst überholtes Schrebergarten-Denken.

Lieber Bernd, ich stelle Dir zu den angesprochenen oder auch weiteren Themen gerne Daten samt Quellangabe zur Verfügung, solltest Du Interesse an ihnen haben. Oder noch besser: Wende Dich gleich direkt an die Lehrergewerkschafter. Die setzen sich nämlich seit vielen Jahren intensiv mit Fakten im internationalen Vergleich auseinander. Die lesen die Studien, von denen Du sprichst. Versprechen musst Du mir aber, dass Du Dir die Zeit nimmst, Dich dann mit diesen Fakten auch vertraut zu machen.

Mit besten Grüßen

Dein Fritz