Volksschule: 15 Kinder pro Klasse sind genug

18.07.2007 | "Die Presse"

Fritz Neugebauer im Interview mit der "Presse"

von Claudia Dannhauser

Die Presse: Ihnen wird von Freund und Feind ein Betoniererimage umgehängt. Stört Sie das?

Fritz Neugebauer: Beton ist ein guter Werkstoff. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass gewisse Erkenntnisse keine Perspektive haben.

Was meinen Sie konkret?

Neugebauer: Zum Beispiel die Gesamtschuldebatte. Die hatten wir schon in den 70er- und 80er-Jahren. Wer sich damit auseinander gesetzt hat, weiß, dass das keine Lösung ist.

Die Zufriedenheit mit dem Schulsystem ist seit Pisa aber erheblich gesunken. Ist das gerechtfertigt?

Neugebauer: Das Schulsystem hat mit Pisa nichts zu tun. Da könnten Sie genauso gut in der Millionenshow auftreten. Vernetztes Denken wird bei Pisa nicht abgefragt. Deshalb ist das mehr als fragwürdig.

Trotzdem: Ist unser Schulsystem den heutigen Lebensbedürfnissen gut genug angepasst?

Neugebauer: Es gibt Defizite, weil es immer weniger Hilfe durch die Eltern gibt. Es gibt immer mehr Doppelverdiener und Alleinerzieher. Das muss die Schule ausgleichen. Deshalb ist die beste Schulreform: kleinere Klassen. Die Senkung der Schülerzahl auf 25 ist nur der Beginn der Fahnenstange.

Was ist das Ende der Fahnenstange?

Neugebauer: Mit 15 Kindern könnte man Defizite in der ersten und zweiten Klasse Volksschule ganz gewaltig ausgleichen.

Denken Sie da an bestimmte Regionen mit hohem Ausländeranteil?

Neugebauer: Nein. Ich halte das für flächendeckend notwendig.

Dazu bräuchte man sehr viele Lehrer mehr. Das kostet.

Neugebauer: Das ist klar.

Der Bawag-Prozess läuft. Sie müssten Helmut Elsner dankbar sein. Durch sein Zutun schwand der Einfluss der SPÖ-Gewerkschafter massiv.

Neugebauer: Ich denke da nicht in fraktionellen Schattierungen. Dass so etwas passieren kann, ist ungeheuerlich. Und dass es den ÖGB noch gibt, ist fast ein Wunder.

Hat sich die jetzige ÖGB-Spitze beim Aufräumen bewährt?

Neugebauer: Ich habe Rudi Hundstorfer bewundert, dass er sich das überhaupt antut, in der Situation.

Aus der Quasi-Abspaltung Ihrer Gewerkschaft öffentlicher Dienst wird also nichts mehr?

Neugebauer: Es gibt keine Abspaltung, auch nicht quasi. Wir wollen eine Lösung, wo der ÖGB Hauptverein ist und die Gewerkschaften Zweigvereine. So wäre jede Einzelgewerkschaft bilanzpflichtig und jeder wüsste vom anderen, wie er wirtschaftet. Solche Sauereien können dann nicht mehr passieren.

Die Beamtengewerkschaft hat einen heißen Herbst vor sich. Es geht um ein neues Dienstrecht und um ein Ende der Pragmatisierung.

Neugebauer: Unsere Arbeitgeber sind keine Privatleute. Für Bereiche, wo Indoktrination möglich ist, muss es Schutz geben.

Wo ist die noch immer gegeben?

Neugebauer: Überall dort, wo die Politik, NGOs, die Wirtschaft einen objektiven Gesetzesvollzug beeinflussen könnten.

Und was stellen Sie sich für die Lohnrunde vor?

Neugebauer: Die Schlagzeilen der letzten Wochen über die florierende Wirtschaft fordern die Gewerkschaft geradezu auf, kräftig zuzulangen.

Sie treten im Herbst wieder als ÖAAB-Chef an. Was ist denn Ihr Programm für alle Arbeitnehmer?

Neugebauer: Vieles im Regierungsprogramm ist Ergebnis der ÖAAB-Mitwirkung. Das war spannend, weil wir zuerst einmal ein konstruktives Klima nach der Wahl am 1. Oktober schaffen mussten.

Sind SPÖ und ÖVP da jetzt weiter?

Neugebauer: Die SPÖ hat, meiner Ansicht nach, das Regierungsprogramm in zwei Dingen extensiv ausgelegt. Kein Mensch hat was von Gesamtschule gesagt. Und die ganze Fliegergeschichte ist mittlerweile eine Schmierenkomödie der Sonderklasse. Aber an solchen Dingen darf man's nicht zerbröseln lassen. Da ist Führungskultur angesagt.

Fehlt die?

Neugebauer: Wettbewerb gibt es auch außerhalb von Wahlzeiten. Aber das muss einen Stil haben, der nicht ins Lächerliche abgleitet.

(…)