Der Fritz mit dem weichen Kern

16.11.2011 | "Falter"

Fritz Neugebauer

Von Wolfgang Zwander

In Gewerkschaftskreisen wird in diesen Tagen ein alter Witz aufgewärmt, der sinngemäß so geht: Die Dinosaurier hätten nicht aussterben müssen, wenn sie nur klug genug gewesen wären, Fritz Neugebauer als ihren Interessenvertreter zu bestimmen.

Seit 1997 steht der ÖVP-Veteran an der Spitze der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), und er vertritt seine Klientel, die mehr als 230.000 Mitglieder der Beamtengewerkschaft, so erfolgreich, dass sein Name vielen als Synonym gilt für Beton und Blockade. Seit 2008 ist der 67-jährige "Meister Njet“, wie ihn die nennen, die nicht seine Freunde sind, als Zweiter Nationalratspräsident zumindest protokollarisch der drittmächtigste Politiker im Land.

All jene, die glaubten oder hofften, Neugebauer könnte sein hohes Amt als politisches Altenteil benutzen, wurden vergangene Woche enttäuscht. Auf dem GÖD-Kongress im Wiener Austria Center wählten ihn 85,6 Prozent der rund 1000 Delegierten für weitere fünf Jahre zum Beamtengewerkschaftsboss. Das gute Ergebnis musste er sich nicht erkämpfen, sondern bekam es ausgerechnet von seiner Kontrahentin, Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), geschenkt. Sie legte Neugebauer einen Elfmeter auf, den der Routinier und Fußballfan nur noch aus dem Stand ins leere Tor wuchten musste.

Wer schon mit dem ehemaligen SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky als Schriftführer am Tisch saß, als um die Gehälter der Staatsdiener gefeilscht wurde, lässt sich nicht lange bitten, wenn Tage vor dem GÖD-Kongress zu Beamtenlohnverhandlungen gerufen wird. Prompt forderte der Silberrücken unter den Ärmelschonerträgern ein sattes Plus von 4,65 Prozent. Während sich die Mehrheit der Österreicher, allen voran Heinisch-Hosek, über die forsche Forderung ärgerte und Neugebauer in den Beliebtheitsrankings nach unten durchgereicht wurde, konnte der Gewerkschaftschef damit endgültig vollen Kurs auf seine Wiederwahl nehmen.

Wer ist der Mann, der die Segel seiner Karriere so sicher setzt, obwohl ihm in der Öffentlichkeit stets ein rauer Wind ins Gesicht bläst? Der Mann, der ein Sparpaket, das seine eigene Partei gefordert hatte, vor dem Höchstgericht bekämpfte und verhinderte, dass die Lehrer zwei Stunden pro Woche mehr unterrichten müssen?

Wer Neugebauers Kontrahentin Heinisch-Hosek auf ihn anspricht, wird überrascht. "Er ist ein exzellenter, immer bestens vorbereiteter Verhandler und ein verlässlicher Partner, dessen Wort immer zählt“, sagt die Beamtenministerin. "Er wird fehleingeschätzt. Sein Image als harter Betonierer ist Koketterie, er benützt es und lässt es für sich arbeiten. In Wirklichkeit hat er einen weichen Kern.“ Der weiche Kern passt gut zu den zwei weichgekochten Eiern, die er sich zum Frühstück um zehn Uhr im Café Schwarzenberg bestellt. Normalerweise absolviere er sonntagvormittags keine Arbeitstreffen, sagt der zweifache Vater, die Zeit gehöre seiner Frau. Während die Buttersemmeln serviert werden, beginnt er, aus seinem Leben zu erzählen.

Aufgewachsen in einem einfachen Elternhaus in Wien-Leopoldau, die Mutter eine sehr gläubige Schneiderin, der Vater Eisenbahner. Das Geld reichte meist nur für Erdäpfel mit Margarine. Wenn Neugebauer an den kleinen Fritz denkt, formt sich sein Mund trotzdem zu einem zufriedenen Lächeln. "Wir hatten alles, was wir brauchten“, sagt er dann. Während der ältere Bruder, der vor ein paar Jahren verstorben ist, in der Schule großes Talent zeigte und später ein Jurastudium absolvierte, wussten weder die Eltern noch der junge Neugebauer, was aus ihm, dem heutigen Gewerkschaftsboss und Nationalratspräsidenten, später werden soll.

Als er auf ein paar Kinder aufpasste, stellte eine Nachbarin fest, der Fritz könne so gut mit den Kleinen, Lehrer solle er werden. Der Gedanke gefiel ihm, und er wurde Volksschul- und Hauptschullehrer in der Wiener Brigittenau, wo er bis 1997 unterrichtete, obwohl er bereits ein Jahr zuvor in den Nationalrat eingezogen und seit 1991 Vizepräsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes war. Seine politische Feuertaufe erlebte der gläubige Katholik bereits in den 70er-Jahren, als er als schwarzer Lehrervertreter in den Zentralausschuss der Personalvertretung im roten Wien gewählt wurde. Damals wurde man in der schwarzen Bundeszentrale erstmals auf den Maurer der Macht aufmerksam.

Was sagt er zu seinem Ruf als Betonierer? "Nennen Sie mir einen Anlass, bei dem ich betoniert habe?“, retourniert er. Wer nun als Antwort, nur zum Beispiel, die Verhinderung der Gesamtschule durch die Lehrergewerkschaft anführt, bekommt zu hören, dass sie teuer und uneffizient sei und dass an diesem Punkt beinahe die Verfassung von 1920 gescheitert wäre. Man habe diese strittige Frage damals unbeantwortet gelassen und ihre Beantwortung auf später verschoben. Ob nicht vielleicht heute der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um dieses "Später“ zumindest ein kleines Stück Gegenwart werden zu lassen? Vorsichtig sagt er: "Ja, da haben Sie schon recht“. Aber bevor er sich darum kümmern kann, muss er in den nächsten Tagen und Wochen noch dafür kämpfen, dass die Beamtengehälter um 4,65 Prozent erhöht werden. Mindestens.